Ein ganz normaler Donnerstag
Donnerstag. 5:47 Uhr. Mein Wecker hat noch nicht geklingelt. Aber ich bin wach.
Mein Ring zeigt 94% Recovery. Nicht schlecht für jemanden, der gestern bis 23 Uhr beim Summit war. Die Cortisol-Messung ist neu - hat ein paar Wochen gedauert, bis ich ihr vertraut habe.
In der Küche läuft die Maschine bereits. Ich hab sie nicht eingeschaltet.
Mein Agent weiß, dass Donnerstag KINN-Tag ist. Er hat über Nacht meine Mails sortiert, drei Meeting-Anfragen beantwortet, und den Bericht für die Standortagentur fertiggestellt. Ich muss nur noch drüberschauen.
Ich setze mich ans Fenster, setze meine Brille auf. Nicht die klobige erste Generation. Die neue - leichter, mit echtem Display. Ich öffne meine Nachrichten mit einer Geste.
47 neue Nachrichten seit gestern Abend. Keine einzige ist eine Frage nach Erlaubnis.
Ich nicke. Die Brille erkennt die Geste. "Go."
7:30 Uhr
Um 7:30 steige ich ins Auto. Es fährt selbst. Wie die meisten inzwischen. Der Brenner ist seit letztem Jahr komplett autonom - nur noch Robotaxis und Lieferfahrzeuge. In Innsbruck sind es gemischte Zonen.
Ich nutze die 20 Minuten für Deep Reading. Ein Paper über dezentrale KI-Netzwerke in alpinen Regionen. Mit einem Abschnitt über KINN als Fallstudie.
Das hätte ich mir damals nicht träumen lassen.
8:00 Uhr
Um 8 Uhr sitze ich im InnCubator. 45 Teilnehmer heute. Am Eingang steht ein NEO. Registrierung, Badges, Kaffee. Die ersten Modelle kosteten noch 20.000. Jetzt halb so viel.
Manche finden es noch befremdlich. Ich auch, manchmal. Aber er beschwert sich nie, vergisst niemanden, und hat immer Zeit für Small Talk.
An meiner Brille erscheinen die Namen der Leute, die reinkommen.
Ich gehe rüber: "Markus? Thomas. Schön, dass du da bist."
Er lächelt. "Vor ein paar Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich mal freiwillig zu einem KI-Treffen gehe."
"Ich auch nicht", sage ich. "Ich auch nicht."
Die Jahre dazwischen
Ich muss an die Jahre dazwischen denken. An das, was manche den "White Collar Winter" nannten.
Als die erste große Versicherung ankündigte, 40% ihrer Sachbearbeiter zu ersetzen. Als die Banken folgten. Die Steuerberater. Die Rechtsabteilungen.
Als die Arbeitslosenquote sich verdoppelte. In acht Monaten.
Ich erinnere mich an ein KINN-Treffen damals. 60 Leute im Raum. Die Hälfte hatte gerade ihren Job verloren oder wusste, dass es bald passieren würde. Die Stimmung war anders. Kein Networking-Lächeln. Echte Fragen.
Das Jahr danach wurde härter. Die humanoiden Roboter, über die Musk noch philosophiert hatte, standen plötzlich in Lagerhallen. In Produktionen. In Hotels.
In Wattens schloss eine Firma, die seit 80 Jahren Metallteile produzierte. Nicht weil sie schlecht wirtschaftete. Sondern weil ein Werk mit 12 Ingenieuren und 200 Maschinen dasselbe Output lieferte.
Die Politik reagierte. Langsam, wie immer. Umschulungsprogramme. Maschinensteuer-Debatten. Das erste Pilotprojekt für ein "Technologie-Bürgergeld" in Vorarlberg.
Für viele kam das zu spät.
Was hat KINN in dieser Zeit gemacht?
Ich muss gestehen: Wir haben auch gezweifelt.
Es gab Wochen, in denen ich mich gefragt habe, ob das alles noch Sinn ergibt. Ob wir nicht Teil des Problems sind.
Aber dann ist etwas passiert. Die Leute kamen trotzdem. Mehr als vorher.
Nicht weil sie KI-Fans waren. Sondern weil sie verstanden hatten: Isolation ist keine Strategie.
KINN wurde zur Auffangstation.
Wir haben keine Jobs vermittelt - die gab es kaum noch in der alten Form. Wir haben Menschen mit Fähigkeiten verbunden.
Buchhalterin trifft Entwickler. Zusammen bauen sie ein Tool. Nicht als Angestellte - als Gründer.
47 neue Unternehmen sind aus KINN-Matches entstanden. Keine Unicorns. Aber Firmen, die Menschen Einkommen geben.
10:00 Uhr
Um 10 Uhr klingelt mein Telefon. Richtiges Klingeln. Voice Call. Das ist selten geworden.
Jemand aus dem Ministerium.
"Herr Seiger, wir arbeiten an der KI-Strategie für nächstes Jahr. Uns fehlen Praxisdaten."
Ich sage: "847 dokumentierte Use Cases. API-Zugang schick ich rüber."
Stille. "Das... wäre sehr hilfreich."
Damals hätte mich dieser Anruf nervös gemacht. In den schlimmen Jahren hatten sie nicht angerufen. Heute ist es Routine.
18:00 Uhr
Um 18 Uhr fahre ich rauf auf den Berg. Nicht zum Wandern. Nur zum Schauen.
Ich stehe da oben und blicke ins Tal. Der Nebel liegt zwischen den Hängen. Die Sonne färbt die Gipfel rosa.
Irgendwo fliegt eine Lieferdrohne lautlos durch das Tal. Das Drohnen-Netz hat die medizinische Versorgung in den Seitentälern revolutioniert.
Und überall - in jedem Seitental - sehe ich Lichter. Die Lichter von Menschen, die zusammensitzen.
Manche mit AR-Brillen. Manche mit einem humanoiden Assistenten. Manche einfach mit Kaffee und einer Idee.
Die Technologie hat sich verändert. Die Menschen nicht.
Mein Ring vibriert. Eine Nachricht von Stefan:
"Nein?"
Ich muss lächeln. "Und was hast du geantwortet?"
Ich erinnere mich an den Tag, als wir zu viert im InnCubator saßen.
Vier Leute. Ein Tisch. Kein Agent, kein Dashboard.
Nur eine Frage: "Was wäre, wenn wir Tirol AI-ready machen?"
Damals klang das größenwahnsinnig.
Elon Musk redete von AGI und Superintelligenz. Peter Diamandis malte eine Welt, in der Roboter besser operieren als Chirurgen. Wir saßen in einem Coworking-Space und fragten uns, ob wir überhaupt 10 Leute zum nächsten Treffen bekommen.
Mit manchen Prognosen hatten sie recht. Mit anderen nicht.
Aber wir haben nicht auf die perfekte Zukunft gewartet. Wir haben mit dem gearbeitet, was da war.
Ich atme die kalte Bergluft ein. Und ich denke:
Alle haben über AGI geredet. Über Superintelligenz. Über die Singularität.
Aber das, was wirklich passiert ist?
Menschen haben angefangen, sich zu vernetzen. Wissen zu teilen. Einander zu helfen.
"Die KI war der Katalysator. Die Community war die Revolution."
Dann schaue ich auf meine Brille. 18:47. Donnerstag, 18. Januar.
Vier Jahre und zwei Monate seit dem ersten KINN.
Vier Jahre seit "zu viert im InnCubator".
Vier Jahre seit dem Moment, als jemand sagte: "Tirol und KI? Geh nach Wien, wenn du was bewegen willst."
Ich erinnere mich an den Tag, als der Brutkasten zum ersten Mal über uns schrieb. Jänner 2026. Plötzlich kamen Anfragen aus ganz Österreich. Kurz danach das erste Chapter in Kufstein. Das war der Moment, als wir wussten: Das hier wird größer als Innsbruck.
Ich drehe mich um und gehe zurück zum Auto. Es wartet schon. Tür offen.
"Ich geh zu Fuß", sage ich.
Es fährt alleine nach Hause.
Manche Entscheidungen trifft man noch selbst.
Warum ich dir das erzähle
Das war eine Vision. Ein Gedankenexperiment.
Ein ganz normaler Donnerstag - nur eben nicht heute.
Aber hier ist die Sache:
Alles, was ich beschrieben habe, basiert auf dem, was diese Woche passiert ist.
→ Letzte Woche hat Anthropic "Cowork" gelauncht - Claude als autonomer Desktop-Agent
→ 1X nimmt Vorbestellungen für den NEO-Roboter an. $20.000. Lieferung dieses Jahr.
→ Waymo fährt 450.000 Fahrten pro Woche. London-Launch geplant.
→ Tesla startet Cybercab-Produktion im April.
→ Musk sagt im Moonshots-Podcast: "By 2030, AI will exceed the intelligence of all humans combined."
"AI can already perform 50% or more of white-collar jobs. White-collar work will be the first to go."
— Elon Musk, diese WocheDie Disruption ist nicht Science-Fiction. Sie ist ein Zeitplan.
Was das für dich bedeutet
Ich habe mir diese Vision nicht ausgedacht, um zu beeindrucken.
Sondern um eine Frage zu stellen:
Wenn das passiert - mit wem gehst du da durch?
Die KI kann Dokumente schreiben. Code generieren. Autos fahren.
Aber sie kann nicht an einem verregneten Donnerstagmorgen jemandem zuhören, der gerade seinen Job verloren hat.
Das können nur wir. Und das ist, warum KINN existiert.
Was du tun kannst
Wenn du dich in irgendetwas davon wiedererkennst:
→ Komm zum nächsten KINN - Termine und Anmeldung auf kinn.at
→ Bau dein Netzwerk auf, bevor du es brauchst - Nicht wenn die Kündigung kommt. Jetzt.
→ Lerne eine Maschine zu steuern, bevor sie dich ersetzt - Claude, ChatGPT, Copilot - egal.
→ Leite diesen Newsletter weiter - An die Kollegin, die sagt "KI betrifft mich nicht".
Was wir bauen
Die Zukunft passiert nicht einfach. Wir bauen sie. Und das Beste daran: Du kannst mitbestimmen, was als nächstes kommt.
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